Selbstwert ist kein Gefühl
Wer über Selbstwert spricht, meint meistens ein Gefühl, das an guten Tagen da ist und an schlechten fehlt und das andere einem geben können durch Lob, Anerkennung und Zustimmung. Das ist falsch, und dieser Irrtum kostet viele Menschen mehr, als sie ahnen. Selbstwert als Führungskraft zu stärken beginnt damit, diesen Irrtum zu erkennen. Wer verstehen will, warum Klarheit denselben Ursprung hat, findet eine direkte Ergänzung im Artikel Klarheit entsteht nicht durch mehr Denken.
Selbstwert ist kein Gefühl, er ist ein Ergebnis
Er entsteht nicht dadurch, dass man sich gut redet oder von anderen gelobt wird. Er entsteht durch tatsächliches Erleben, durch das Durchleben von Entscheidungen, Pannen, Problemen und Siegen. Je mehr ich meine Angelegenheiten anpacke und durchstehe, egal ob sie am Anfang schiefgehen, desto stabiler wird das, was ich mir selbst gegenüber empfinde.
Warum die Suche nach Schuldigen den Selbstwert zerstört
Die Schuld bei anderen zu suchen ist keine Lösung, sondern eine Flucht vor sich selbst. Wer das Versagen bei anderen ablegt, gibt gleichzeitig die Kontrolle ab und damit die einzige Möglichkeit, aus der Situation zu wachsen. Die Opferhaltung mag sich im Moment entlastend anfühlen, aber sie trägt nichts bei. Sie verhindert genau das, was Selbstwert aufbaut. Selbstwert entsteht aus der Erfahrung, dass man mit dem, was kommt, umgehen kann.
Das ist kein Selbstbild, das von der Außenwelt abhängt, sondern etwas, das in einem lebt, unabhängig davon, ob gerade jemand zusieht oder urteilt. Man kennt seinen Wert, weil man ihn erlebt und sich erarbeitet hat. Das bleibt, auch wenn kein anderer anwesend ist, und genau das ist der Unterschied zu einem Selbstwert, der von Zustimmung abhängt.
Niemand kann mir diesen Wert geben, und niemand kann ihn mir nehmen.
Selbstwert entsteht nicht im Kopf, sondern in der Handlung
Selbstwert entsteht nicht durch das, was man über eine Situation nachdenkt. Nachdenken ist Simulation, und Simulation ist kein Ersatz für das Handeln. Das gilt übrigens auch für Klarheit: Klarheit entsteht nicht durch mehr Denken, sie entsteht durch Handlung.
Über einen Sonnenuntergang zu reden mag die Phantasie anregen. Ihn zu erleben ist etwas anderes. Mit allen Sinnen, in diesem Moment, ohne Abstand. Das lässt sich nicht nachahmen. Und es lässt sich nicht übertragen.
Ich habe das im Personenschutz erlebt. Wer glaubt, der Umgang mit einer Schusswaffe lasse sich durch Computerspiele ersetzen, irrt sich grundlegend. Rückstoß, Schusslärm, die Entscheidung in Sekundenbruchteilen. Das ist in keinem Spiel auch nur annähernd realistisch. Wer in einer echten Situation auf diese Simulation vertraut, gefährdet sich und andere. Für körperliche Erfahrung gibt es keinen Ersatz.
Dasselbe gilt für Führung. Wer nur über Führung spricht, ist noch lange nicht in der Lage, Menschen zu führen, und in Krisensituationen schon gar nicht. Führung entsteht durch das Handeln, durch das Durchstehen, durch das Abschließen. Erst wenn eine Handlung vollzogen und zu Ende gebracht wurde, entsteht das Gefühl: Das habe ich geschafft. Dieses Gefühl ist kein Bonus. Es ist der Baustein, aus dem Selbstwert gemacht ist.
Was Selbstwert mit Führung zu tun hat
Nur wer weiß, was er kann, braucht die Zustimmung anderer nicht. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Gerade in unsicheren Zeiten, wenn Druck von außen steigt und Entscheidungen Konsequenzen haben, zeigt sich, ob jemand wirklich weiß, wer er ist, oder ob er es nur behauptet. Wer in diesem Moment unsicher ist, führt nicht, er verwaltet seine eigene Angst.
Warum sollte mir jemand folgen, wenn ich selbst nicht weiß, wohin ich gehe? Meine eigene Unzulänglichkeit reicht vollkommen aus, um eine Situation zu verschlechtern. Die eines anderen brauche ich dazu nicht.
Echte zielorientierte Führung entsteht aus Klarheit. Nicht aus Hierarchie, nicht aus Titeln, nicht aus dem Wunsch, Macht zu zeigen. Eine Führungskraft, die das verstanden hat, braucht keine Bestätigung von außen, um eine Entscheidung zu treffen. Sie weiß, was sie kann. Und das genügt.
Wer sich selbst nicht führen kann, wird niemanden finden, den er führen kann. Das ist keine Metapher. Es ist eine Beobachtung, die ich in dreißig Jahren immer wieder gemacht habe, im Personenschutz wie im Executive Coaching mit Führungskräften und Unternehmern.
Führung beginnt innen. Wer dort keine Klarheit hat, findet sie auch außen nicht.
Warum Selbstwert unter Druck sichtbar wird
Wer mehrere Krisensituationen erlebt hat, weiß, wie er sich darin verhält. Die Gefahr hat jedes Mal eine andere Form, aber das Prinzip bleibt gleich. Es gibt eine Bedrohung, und man muss damit umgehen. Wer bestimmte Verhaltensweisen vorher geübt hat, dem laufen diese Muster in der Situation ab, zielorientiert, ohne langes Nachdenken. Das ist der Wert des Trainings. Aber das Training allein baut keinen Selbstwert auf. Es bereitet vor. Den Selbstwert gibt es erst danach, nach der Anwendung unter echtem Druck. Erst dann spricht etwas in einem, das vorher nicht hörbar war. Ich habe einen Wert, den ich vorher nicht in mir gesehen habe. Ich habe dafür geübt. Und ich habe diesen Test bestanden.
Das ist Entwicklung. Und darum geht es beim Selbstwert, nicht darum, gut über sich zu denken, sondern darum, sich tatsächlich zu entwickeln. Ich bin es wert, mich zu entwickeln, und der Beweis dafür liegt nicht im Nachdenken, sondern im Durchstehen. Das gilt für jeden Menschen. Für eine Führungskraft gilt es doppelt.
Viel zu oft nimmt man sich aus dieser Entwicklung heraus. Man vermeidet das Risiko, bleibt im Sicheren und wundert sich dann, warum das Gefühl des eigenen Wertes nicht wächst. Für Führungskräfte ist das besonders folgenreich, weil ihre Unsicherheit nicht privat bleibt, sondern sich auf das gesamte Team überträgt.
Was Selbstwert als Führungskraft nicht ist und warum das wichtig ist
Selbstvertrauen, Selbstliebe und Selbstbewusstsein sind keine Synonyme für Selbstwert. Sie sind Symptome, die entstehen, wenn Selbstwert vorhanden ist, und nicht umgekehrt.
Wer das verwechselt, arbeitet in die falsche Richtung. Er baut Selbstvertrauen auf, ohne den Boden darunter zu legen. Er liebt sich selbst, ohne zu wissen, warum er es wert ist. Das hält nicht.
Erst wenn ich akzeptiere, dass ich einen Wert für mich habe, erarbeitet, erlebt, durchgestanden, kann ich diesen Wert auch selbstbewusst leben. Daraus entsteht eine Selbstliebe, die mich nicht über andere stellt. Sie macht mir lediglich klar, dass ich es wert bin, geliebt zu werden. Weil ich es weiß.
Und daraus entsteht Selbstvertrauen. Das Vertrauen, dass ich mir selbst trauen kann, auch wenn andere lachen, auch wenn niemand zustimmt. Ich brauche diese Menschen nicht in meinem Leben, weil ich mir selbst vertraue.
Das gilt auch für Fehler. Wer echten Selbstwert hat, wird durch einen Fehler nicht herabgewürdigt. Er weiß, dass das ein Schritt zum Lernen war, und weiter nichts. Das Vertrauen in sich selbst bleibt, unabhängig davon, was schiefgegangen ist.
Selbstwert aufbauen: Was 45 Jahre Kampfkunst und Personenschutz lehren
Selbstwert ist für mich kein psychologisches Konzept, sondern eine Erfahrung. In 45 Jahren Kampfkunst habe ich gelernt, was es bedeutet, in sich zu stehen, nicht als Haltung, die man einnimmt, sondern als Zustand, den man sich erarbeitet.
30 Jahre Personenschutz haben mir gezeigt, dass wer sich selbst nicht traut, auch anderen nicht vertrauen kann. Und dass Menschen das spüren. Das gilt im Personenschutz. Und es gilt in der Führung.
Charakter ist keine Ausrede, sich nicht mehr in Frage zu stellen. Wer das versteht, hat die Grundlage gelegt, auf der echter Selbstwert als Führungskraft entstehen kann.
Häufige Fragen zum Thema Selbstwert als Führungskraft
Warum reicht Lob von außen nicht, um Selbstwert aufzubauen?
Weil Lob von außen von außen abhängt. Wer seinen Wert aus Bestätigung bezieht, ist immer auf andere angewiesen und verliert ihn, sobald die Bestätigung ausbleibt. Das ist kein stabiler Boden. Es ist ein Fundament, das andere jederzeit wegziehen können. Echter Selbstwert entsteht durch eigene Erfahrungen, nicht durch fremde Urteile, und er bleibt, auch wenn niemand mehr zuschaut.
Warum ist Selbstwert die Grundlage jeder Führungsarbeit?
Weil alles andere darauf aufbaut. Wer sich selbst nicht kennt, traut auch seinen Entscheidungen nicht. Wer seinen eigenen Wert nicht kennt, sucht ihn in der Zustimmung anderer und verliert damit die Fähigkeit, gegen den Strom zu entscheiden. Führung, die auf Bestätigung angewiesen ist, ist keine Führung. Sie ist Abhängigkeit mit einem anderen Namen. Selbstwert ist die Grundlage jeder stabilen Führung, nicht als Eigenschaft, sondern als erarbeiteter Zustand.
Kann man Selbstwert aufbauen, wenn man ihn verloren hat?
Ja. Aber nicht durch Nachdenken oder Reden darüber. Selbstwert entsteht durch Handlung, durch das Angehen von Dingen, die Überwindung kosten, und das Erleben, dass man sie durchsteht. Das muss keine große Sache sein. Es reicht eine kleine Entscheidung, die man trifft und durchzieht, und die man nicht abbricht, wenn es unbequem wird. Jede solche Erfahrung legt einen weiteren Baustein. Wer das konsequent wiederholt, merkt, dass der Boden unter den Füßen fester wird. Weil man es erlebt hat.
Wer als Führungskraft wissen will, wie sich echter Selbstwert in der Führungsarbeit zeigt, und ob diese Arbeit für seine Situation das Richtige ist, kann mir schreiben. Hier geht es zum Erstgespräch. Weiterführende Artikel: Wer führt, führt sich in erster Linie selber | Disziplin hat jeder | Die Welt der maximalen Glättung | Executive Coach München.
Boris Cazin
Executive Coach und Sparringspartner für Unternehmer, Geschäftsführer und Führungskräfte. 30 Jahre Personenschutz auf höchstem Niveau. 45 Jahre Kampfkunst. Arbeitet deutschlandweit. Erstgespräch immer vor Ort.
