Die Welt der maximalen Glättung
Wer jede Reibung vermeidet, verliert die Fähigkeit, unter Druck zu führen.
Schnellantwort
Wer alles glättet, verliert den Kontakt zur Realität. Führungskräfte, die Reibung vermeiden, treffen irgendwann Entscheidungen ohne Bodenhaftung.
Erstgespräch anfragen →Drei Geschäftsführer sitzen in einem Meeting. Alle wissen, dass die Vertriebsstrategie gescheitert ist. Der Vertriebsleiter weiß es auch. Keiner sagt es. Stattdessen reden sie über Optimierungspotenziale, Marktveränderungen und externe Faktoren. Das Meeting endet mit einem Maßnahmenplan, der das Wort Rückschläge nicht enthält. Alle gehen zurück an ihre Schreibtische mit dem Gefühl, dass etwas Wesentliches ungesagt geblieben ist.
Konflikte in der Führung beginnen selten mit einem Streit. Sie beginnen mit Schweigen. Und dieses Schweigen hat einen Preis, der selten auf einer Bilanz erscheint.
Warum Führungskräfte Konflikte vermeiden
Konfliktvermeidung auf Führungsebene hat selten mit mangelndem Mut zu tun. Die meisten Führungskräfte, die Reibung meiden, haben gelernt, dass Harmonie belohnt wird. In Vorstellungsgesprächen, in Beurteilungen, in Beförderungsrunden. Wer aneckt, wird als schwierig wahrgenommen. Wer glättet, steigt auf.
Das Problem beginnt dort, wo die Glättung zur Gewohnheit wird. Irgendwann unterscheidet die Führungskraft nicht mehr zwischen diplomatischem Geschick und dem Vermeiden einer notwendigen Auseinandersetzung. Beides fühlt sich gleich an. Beides sieht von außen gleich aus. Der Unterschied zeigt sich erst, wenn eine Entscheidung fällig ist, die jemandem wehtun wird.
In diesem Moment trennt sich Führung von Verwaltung. Wer führt, spricht aus, was im Raum steht. Wer verwaltet, formuliert es um, bis es für alle erträglich klingt. Das Ergebnis ist ein Unternehmen, in dem alle Bescheid wissen und niemand handelt.
Was Reibungsvermeidung mit der Führung macht
Reibungsvermeidung ist kein einmaliger Vorgang. Sie ist ein Muster, das sich verfestigt. Wer einmal eine unbequeme Wahrheit umschifft hat, wird es beim nächsten Mal leichter finden. Und beim übernächsten Mal wird er es gar nicht mehr bemerken.
Das Gefährliche an diesem Muster ist seine Unsichtbarkeit. Die Führungskraft funktioniert weiterhin. Sie trifft Entscheidungen, leitet Meetings, gibt Feedback. Nur dass die Entscheidungen immer die sind, die niemanden stören. Die Meetings immer mit Konsens enden. Und das Feedback immer so formuliert ist, dass es den Empfänger bestätigt statt herausfordert.
Was von außen wie souveräne Führung aussieht, ist in Wahrheit ein Vermeidungssystem. Und dieses System hat eine Nebenwirkung, die selten benannt wird. Die Führungskraft verliert den Zugang zu ihrer eigenen Einschätzung. Wer jahrelang seine Meinung an die Erwartungen seiner Umgebung anpasst, weiß irgendwann nicht mehr, was er selbst denkt. Die Klarheit geht nicht auf einmal verloren. Sie geht in kleinen Schritten, bei jedem Meeting, bei jeder Entscheidung, die ein Kompromiss war, obwohl sie keiner hätte sein müssen.
Konflikte in der Führung als Entwicklungsmechanismus
Ein Kind, das nie fällt, lernt nicht gehen. Es lernt, sich festzuhalten. Und wer sich festhält, bewegt sich nicht von der Stelle. Die Fähigkeit wäre da, aber die Respekt vor dem Fallen ist größer als der Wunsch nach Bewegung.
Dasselbe Prinzip gilt für Führungskräfte, die Konflikten ausweichen. Die Kompetenz ist vorhanden. Die Erfahrung ist da. Was den Unterschied macht, ist die Bereitschaft, eine Position einzunehmen, die Widerstand erzeugt. Und genau diese Bereitschaft lässt sich nur durch Reibung entwickeln. Wer nie widersprochen hat, weiß nicht, ob er es aushält. Wer nie eine unpopuläre Entscheidung getroffen hat, weiß nicht, ob er danach noch führen kann.
Konflikte in der Führung sind keine Störung des Betriebs. Sie sind der Mechanismus, durch den Führung überhaupt entsteht. Jede Entscheidung, die etwas verändert, erzeugt Reibung. Jede Veränderung, die etwas bewirkt, stößt auf Widerstand. Wer beides vermeidet, vermeidet auch die Entwicklung, die daraus entsteht.
Freiheit, die man geschenkt bekommt, kann jederzeit wieder genommen werden. Sie gehört einem nur auf Zeit. Man hält sie nur vorübergehend in der Hand. Freiheit, die man sich durch Fallen, Aufstehen und erneutes Streben erarbeitet hat, sitzt tiefer. Sie lässt sich nicht mehr entziehen, weil sie nicht von außen kommt.
Was 30 Jahre Personenschutz über Konflikte lehren
Im Personenschutz gibt es keine Glättung. Wenn eine Lage eskaliert, gibt es keine Möglichkeit, das Gespräch auf den nächsten Termin zu verschieben. Die Entscheidung fällt jetzt, mit den Informationen, die jetzt verfügbar sind. Und sie fällt, auch wenn sie jemandem nicht gefällt.
In 30 Jahren Personenschutz habe ich gelernt, dass die gefährlichsten Situationen selten die sind, in denen geschrien wird. Die gefährlichsten Situationen sind die, in denen alle schweigen. Wenn ein Team aufhört, Einwände zu äußern, wenn ein Teamleiter aufhört, unbequeme Fragen zu stellen, wenn alle nur noch nicken, dann ist die Lage bereits gekippt, bevor irgendjemand es bemerkt hat.
In der Kampfkunst zeigt sich dasselbe Prinzip auf einer anderen Ebene. Wer auf der Matte steht und einem Gegner gegenüber, kann nicht glätten. Der Körper reagiert auf das, was kommt, oder er reagiert zu spät. Ausweichen ist keine Option, die man plant. Es ist eine Fähigkeit, die man durch Reibung entwickelt hat. Wer nie getroffen wurde, weiß nicht, wie er reagiert. Wer es weiß, fürchtet den Treffer weniger als die eigene Unvorbereitetheit.
Diese Erfahrung lässt sich auf Führung übertragen. Eine Führungskraft, die nie einen echten Konflikt ausgetragen hat, weiß nicht, wie sie unter Druck reagiert. Sie kennt ihre eigenen Muster kaum. Sie weiß nicht, ob sie in der Lage ist, eine Position zu halten, wenn der Gegenwind stärker wird als erwartet.
Wenn Reibung zum Sparringsprinzip wird
Im Coaching-Kontext bedeutet Sparring, dass jemand die Rolle übernimmt, die das Umfeld nicht mehr ausfüllt. Auf Führungsebene gibt es kaum noch jemanden, der ehrlich widerspricht. Die Mitarbeiter haben Abhängigkeiten. Die Berater haben Aufträge. Die Partner haben Beziehungen. Alle haben Gründe, die Dinge so zu formulieren, dass sie erträglich bleiben.
Ein Sparringspartner hat keinen dieser Gründe. Seine Aufgabe ist es, die Reibung herzustellen, die im Alltag fehlt. Als Realitätsprüfung. Die Frage, die ein Sparringspartner stellt, ist nicht "Wie fühlen Sie sich dabei?" Die Frage ist "Was haben Sie in den letzten sechs Monaten vermieden, und was hat es gekostet?"
Wer diese Frage beantworten kann, ohne auszuweichen, hat bereits den ersten Schritt gemacht. Wer ausweicht, hat die Antwort bereits gegeben, ohne es zu merken.
Was sich verändert, wenn jemand aufhört zu glätten
Die Veränderung beginnt selten mit einer großen Entscheidung. Sie beginnt mit einem Gespräch, das anders verläuft als gewohnt. Eine Führungskraft sagt in einem Meeting, was sie sieht, ohne es vorher in drei Schleifen abzumildern. Ein Geschäftsführer benennt ein Problem beim Namen, statt es als Herausforderung zu verpacken. Ein Vorstand widerspricht seinem Aufsichtsrat, weil die Zahlen eine andere Sprache sprechen als die Erwartungen.
Was sich danach verändert, ist weniger spektakulär, als es klingt. Die Meetings werden kürzer, weil weniger umschifft werden muss. Die Entscheidungen werden klarer, weil die Grundlage ehrlicher ist. Und die Führungskraft selbst spürt etwas, das sie lange nicht mehr gespürt hat. Sie spürt, dass ihre eigene Einschätzung wieder Gewicht hat.
Wer nie gefallen ist, weiß nicht, ob er aufstehen kann. Wer es weiß, fürchtet den Fall nicht mehr.
Dieser Satz klingt einfach. In der Praxis bedeutet er, dass Konfliktfähigkeit kein Talent ist, das man hat oder nicht hat. Sie ist eine Fähigkeit, die durch Erfahrung entsteht. Und diese Erfahrung beginnt mit der Bereitschaft, die Glättung aufzugeben.
Wer als Führungskraft spürt, dass die Glättung zur Gewohnheit geworden ist, und wissen will, ob diese Arbeit für seine Situation das Richtige ist, kann mir schreiben.
Ehrlichkeit zu sich selbst | Selbstwert ist kein Gefühl | Disziplin hat jeder | Executive Coach Köln
Häufige Fragen zu Konflikten in der Führung
Warum vermeiden Führungskräfte Konflikte, obwohl sie wissen, dass es schadet?
Weil Konfliktvermeidung kurzfristig funktioniert. Das Meeting läuft ruhig ab, niemand ist verärgert, die Beziehungen bleiben intakt. Der Schaden entsteht erst über Monate und Jahre, wenn sich die ungeklärten Fragen zu einem System verdichtet haben, das niemand mehr durchschaut. Führungskräfte vermeiden Konflikte nicht aus Feigheit. Sie vermeiden sie, weil sie in einem Umfeld arbeiten, das Harmonie belohnt und Reibung bestraft.
Wie erkenne ich, ob ich Konflikte in der Führung vermeide?
Ein zuverlässiges Zeichen ist die Formulierung. Wer regelmäßig "Herausforderung" sagt, wenn er "Problem" meint, wer "Optimierungspotenzial" sagt, wenn er "Scheitern" meint, und wer "wir sollten das nochmal besprechen" sagt, wenn er "diese Entscheidung ist falsch" meint, hat bereits ein Gewohnheitsmuster entwickelt. Ein weiteres Zeichen ist die Reaktion des Umfelds. Wenn niemand mehr widerspricht, liegt das selten daran, dass alle einverstanden sind.
Was ist der Unterschied zwischen Diplomatie und Konfliktvermeidung?
Diplomatie wählt den richtigen Zeitpunkt und die richtige Form für eine unbequeme Wahrheit. Konfliktvermeidung wählt gar keinen Zeitpunkt. Diplomatie führt zum selben Ergebnis, nur auf einem anderen Weg. Konfliktvermeidung führt zu keinem Ergebnis, weil der Weg nie begonnen wird.
Kann man Konfliktfähigkeit als Führungskraft trainieren?
Konfliktfähigkeit entsteht durch Erfahrung, nicht durch Seminare. Wer in einem geschützten Rahmen lernt, Positionen zu halten und Widerstand auszuhalten, entwickelt eine Belastbarkeit, die sich auf den Führungsalltag überträgt. Sparring ist eine Form dieses Trainings. Die Matte in der Kampfkunst ist eine andere. Beide haben gemeinsam, dass Reibung der Mechanismus ist, durch den die Fähigkeit entsteht.
Was kostet es ein Unternehmen, wenn Führungskräfte Konflikte vermeiden?
Die Kosten sind selten direkt sichtbar. Sie zeigen sich in Entscheidungen, die zu spät fallen, in Mitarbeitern, die das Unternehmen verlassen, weil niemand ihre Einwände ernst nimmt, und in einer Unternehmenskultur, in der Schweigen als Zustimmung gilt. Studien beziffern den Anteil der Arbeitszeit, den Führungskräfte mit Reibungsverlusten verbringen, auf 30 bis 50 Prozent. Der größte Teil davon entsteht durch Konflikte, die vermieden werden.
Wie hilft ein Sparringspartner bei Konfliktvermeidung?
Ein Sparringspartner stellt die Reibung her, die im Alltag fehlt. Er hat keine Abhängigkeiten, keine Aufträge zu verlieren, keine Beziehungen zu schützen. Seine Aufgabe ist es, die Fragen zu stellen, die das Umfeld nicht mehr stellt. Das ist kein Coaching im klassischen Sinn. Es ist eine Realitätsprüfung, die zeigt, wo die Führungskraft ausweicht und was es kostet.
Boris Cazin
Executive Coach und Sparringspartner für Unternehmer, Geschäftsführer und Führungskräfte. 30 Jahre Personenschutz auf höchstem Niveau. 45 Jahre Kampfkunst. Arbeitet deutschlandweit. Erstgespräch immer vor Ort.
