Am 1. Januar 2020 habe ich alles verkauft
Was 30 Jahre Personenschutz über Entscheidungen lehren, die niemand versteht
Schnellantwort
Echtes inneres Wissen lässt einen nicht mehr los. Wer ihm vertraut, führt anders – und wächst über seine bekannten Grenzen hinaus.
Erstgespräch anfragen →Am 1. Januar 2020 habe ich alle meine Kampfkunstschulen verkauft. Zwanzig Jahre Aufbau, eine Existenz, die ich mit eigenen Händen geschaffen hatte. Es gab keinen äußeren Anlass und keinen Berater, der mir das geraten hätte. Es gab nur ein Gefühl, das mich nicht mehr losließ und das ich weder erklären noch begründen konnte. Am 15. März 2020 kam der erste Corona-Lockdown.
Danach hieß es von allen Seiten, ich hätte Glück gehabt. Das war kein Glück. Das war meine Entscheidung, getroffen aus einem inneren Wissen heraus, das ich der Außenwelt nicht schuldig war zu erklären. Ich erzähle das, weil es die Frage aufwirft, die mich in meiner Arbeit als Executive Coach täglich beschäftigt. Warum handeln manche Menschen aus einem Wissen heraus, das sie nicht begründen können, während andere warten, bis die Außenwelt ihnen sagt, was sie tun sollen?
Was sichtbar wird, wenn die Konsequenzen real werden
Führung zeigt sich nicht in den guten Zeiten, sondern in den Momenten, in denen die Konsequenzen spürbar werden, bevor sie eingetreten sind.
Wenn eine Entscheidung wirklich zählt, wenn Entlassungen anstehen, Partnerschaften enden oder Strukturen aufgebrochen werden müssen, dann zeigt sich, wer jemand wirklich ist. Nicht in den guten Zeiten, sondern in den Momenten, in denen die Konsequenzen spürbar werden, bevor sie eingetreten sind. Was ich in dreißig Jahren Personenschutz und in meiner Arbeit mit Führungskräften immer wieder beobachte, überrascht mich bis heute. Viele werden unter diesem Druck weich.
Sie schieben auf, suchen Konsens, verteilen Schuld und stellen sich als Opfer der Umstände dar, obwohl sie die Entscheidung längst kennen. Was sie antreibt, ist die Angst vor den Konsequenzen, und diese Angst übernimmt die Führung. Wer aus Angst führt, führt nicht. Er verwaltet seinen eigenen Rückzug, und am Ende bezahlt er mit seiner Freiheit, weil vor sich selbst zu fliehen nie zu Wachstum führt.
Die Menschen, die ich am meisten respektiere und mit denen ich am liebsten gearbeitet habe, sind diejenigen, die im Sturm stehen geblieben sind. Sie haben eine Entscheidung getroffen, die ihnen niemand bestätigt hat, und sie waren bereit, dafür die Verantwortung zu tragen, egal wohin sie führte. Diese Menschen verlieren manchmal. Aber sie wachsen immer. Ihnen folgt man gerne, weil sie durch Vorbild führen und durch nichts anderes.
Was echtes inneres Wissen von Versagensangst unterscheidet
Echtes inneres Wissen lässt einen nicht mehr los. Versagensangst fragt, was man verliert. Inneres Wissen fragt, was man verliert, wenn man nicht handelt.
Wenn ich von einem inneren Wissen spreche, höre ich manchmal die Gegenfrage, ob das nicht einfach Bauchgefühl sei und ob Bauchgefühl sich nicht irren könne. Das stimmt. Aber es gibt einen Unterschied, den ich in echten Hochdrucksituationen gelernt habe, in Situationen, in denen Fehleinschätzungen keine zweite Chance hatten.
Echtes inneres Wissen ist kein angenehmes Gefühl. Es ist ein Wissen, das einen nicht mehr loslässt, das sich festsetzt und wartet, bis man handelt. Aus diesem Wissen nicht zu handeln fühlt sich an wie Selbstverrat, wie das Ignorieren von etwas, das man längst weiß. Als ich am 1. Januar 2020 meine Schulen verkauft habe, konnte ich das niemandem erklären. Ich konnte es mir selbst nicht erklären. Ich wusste nur, dass das Festhalten mich etwas kosten würde, das ich nicht benennen konnte, und dass ich diesem Wissen vertrauen musste, auch ohne Begründung. Der Weg danach war holprig, das war fast garantiert. Aber ich wusste, bevor ich losgegangen bin, dass ich ankommen würde.
Versagensangst sieht anders aus. Sie fragt, was man verliert, wenn man falsch liegt. Echtes inneres Wissen fragt, was man verliert, wenn man nicht handelt. Das ist ein grundlegend anderer Ausgangspunkt. Wer einen Fehler als Niederlage begreift, wird ihn vermeiden. Wer ihn als Erfahrung begreift, damit der nächste Durchlauf besser gelingt, wird aus ihm lernen. Das Selbstwertgefühl wächst nicht in den Momenten, in denen alles glatt läuft. Es wächst in den Momenten, in denen man zu sich und seiner Entscheidung steht, auch wenn die Außenwelt das nicht versteht, und genau dann wächst man über seine bekannten Grenzen hinaus.
Was kein Seminar lehren kann
Ohne echtes Risiko kennt man den eigenen Wert nicht. Das ist die einzige Grundlage, auf der Selbstvertrauen entsteht, das wirklich trägt.
Ich habe in meiner Arbeit als Coach eine These, mit der viele meiner Kollegen nicht einverstanden sind. Die meisten Coaching-Ratschläge halten den krassen Druck der Realität nicht aus, weil sie aus einer Welt kommen, in der der Ratgeber selbst nichts zu befürchten hat. Strategien, die im Seminarraum funktionieren, versagen in dem Moment, in dem echte Konsequenzen auf dem Spiel stehen.
Was ich im Personenschutz gelernt habe, lernt man nicht aus Büchern. Man lernt es, indem man in Situationen steht, in denen das eigene Urteil zählt und in denen ein Fehler spürbare Folgen hat. Ohne echtes Risiko kennt man den eigenen Wert nicht. Das klingt hart, aber es ist die einzige Grundlage, auf der ein Selbstvertrauen entsteht, das wirklich trägt. Nicht das Selbstvertrauen, das man sich in Workshops erarbeitet, sondern das Selbstvertrauen, das entsteht, wenn man unter Druck zu sich gestanden hat und danach noch da ist.
Alle Führungskräfte, mit denen ich über Jahre gearbeitet habe und die wirklich gewachsen sind, haben sich selbst vertraut, in Momenten, in denen die Außenwelt ihnen das nicht bestätigt hat. Und genau das hat sie frei gemacht. Freiheit bedeutet nicht, keine Konsequenzen zu haben. Freiheit bedeutet, Optionen zu haben und den Mut, sie zu nutzen. Ihr Gefühl zu den Dingen ist einzigartig. Es kennt Sie besser als jeder Ratgeber von außen, und es ist der verlässlichste Kompass, den Sie haben.
Wer aus Angst vor den Konsequenzen führt, führt nicht. Er verwaltet seinen eigenen Rückzug.
Häufige Fragen
Warum handeln manche Führungskräfte unter Druck konsequent und andere nicht?
Der Unterschied liegt im Selbstwertgefühl. Wer einen stabilen inneren Wert hat, kann die Konsequenzen einer Entscheidung aushalten, in welche Richtung sie auch gehen. Wer diesen Wert nicht hat, lässt die Angst vor den Konsequenzen entscheiden. Das ist kein Charakterfehler, sondern das Ergebnis fehlender Erfahrung mit echtem Risiko. Wer nie in einer Situation stand, in der sein Urteil wirklich zählte, hat keine Grundlage, auf der Selbstvertrauen unter Druck entstehen kann, und kein Seminar kann das ersetzen, weil das Risiko dort nicht real ist.
Wie unterscheidet man echtes inneres Wissen von Versagensangst?
Echtes inneres Wissen lässt einen nicht mehr los. Es ist kein angenehmes Gefühl, sondern ein Wissen, aus dem nicht zu handeln sich anfühlt wie Selbstverrat. Versagensangst hingegen fragt, was man verliert, wenn man falsch liegt. Echtes inneres Wissen fragt, was man verliert, wenn man nicht handelt. Wer einen Fehler als Niederlage begreift, wird ihn vermeiden. Wer ihn als Erfahrung begreift, damit der nächste Durchlauf besser gelingt, wird aus ihm lernen und dabei wachsen.
Was bedeutet es, im Sturm zu seiner Entscheidung zu stehen?
Es bedeutet, eine Entscheidung zu treffen, die man nicht vollständig begründen kann, und bereit zu sein, die Verantwortung dafür zu tragen, auch wenn die Außenwelt sie nicht versteht. Das ist keine Sturheit, sondern die Fähigkeit, dem eigenen Urteil mehr zu vertrauen als dem Konsens. Diese Fähigkeit entsteht nicht im Seminar. Sie entsteht in den Momenten, in denen man unter Druck zu sich gestanden hat und danach noch da war, und wer das einmal erlebt hat, führt anders.
Kann man dieses Selbstvertrauen entwickeln?
Nicht durch Lesen oder Zuhören, sondern durch Erfahrung in Situationen, in denen das eigene Urteil zählt und in denen ein Fehler spürbare Folgen hat. Was ein Coach leisten kann, ist einen Raum zu schaffen, in dem diese Erfahrungen bewusst gemacht werden, durch Konfrontation mit dem, was man bereits weiß, aber noch nicht ausgesprochen hat. Das Selbstwertgefühl wächst in solchen Situationen, wenn man zu sich und seinen Entscheidungen steht.
Wer spürt, dass er Entscheidungen vor sich herschiebt, weil die Konsequenzen zu groß erscheinen, und wissen will, ob diese Arbeit für seine Situation das Richtige ist, kann mir schreiben. Hier geht es zum Erstgespräch. Weiterführende Lektüre: Klarheit unter Druck | Warum ich Coach bin | Einsamkeit als Führungskraft.
Boris Cazin
Executive Coach und Sparringspartner für Unternehmer, Geschäftsführer und Führungskräfte. 30 Jahre Personenschutz auf höchstem Niveau. 45 Jahre Kampfkunst. Arbeitet deutschlandweit. Erstgespräch immer vor Ort.
